San Juan de Ortega

Die Legende von San Juan de Ortega
Juan de Ortega wurde 1080 in Quintanaortuño geboren, einem kleinen Dorf zwölf Kilometer nördlich von Burgos. Der Legende nach hatten seine Eltern zwanzig Jahre auf ein Kind gewartet — eine Tatsache, die später, als Juan längst tot war und die Menschen an sein Grab kamen, niemanden mehr überraschte. Manche Heiligen tragen ihr Schicksal von Anfang an in sich.
Als junger Mann schloss er sich dem Mönch Domingo de la Calzada an, der bereits zu Lebzeiten als Heiliger galt. Domingo baute Straßen, Dämme, Brücken und Herbergen für die Pilger, die nach Santiago zogen. Juan arbeitete viele Jahre an seiner Seite. Als Domingo 1109 starb, war Juan ein Mann, der wusste, wie man Steine setzt und Wege anlegt.
In den folgenden Jahren zog es ihn fort von den Straßen des Camino. Er pilgerte selbst — nach Rom, ins Heilige Land. Auf dem Rückweg geriet sein Schiff in einen schweren Sturm. Er überlebte und gelobte, sein Leben dem Jakobsweg zu widmen.
Was folgte, war kein beschauliches Klosterleben. Juan zog sich in die Gegend von Urteca zurück, die Brennnesselgegend, wie der Name sagt — eine der einsamsten und gefürchtetsten Landschaften entlang des Camino Francés. Die Montes de Oca galten als gefährlich: Räuber, Wildtiere, kein Unterschlupf. Pilger fürchteten diesen Abschnitt. Juan baute dort ein Hospiz und eine Kapelle, zunächst aus eigener Tasche, später aus Spenden. Als das Geld ausging, bettelte er. Nach zehn Jahren war das Hospiz fertig. Er widmete es dem heiligen Nikolaus, der ihn auf See gerettet hatte.
Juan starb am 2. Juni 1163, bevor die größere Martinskirche, deren Bau er noch begonnen hatte, vollendet war. Er wurde in der Nikolauskapelle beigesetzt.
Was dann geschah, gehört zu den merkwürdigsten Überlieferungen des Jakobswegs.
Juans Grab wurde von Anfang an aufgesucht — besonders von Frauen, die kinderlos geblieben waren. Die Volksüberlieferung sah darin einen Zusammenhang: Der Legende nach war Juan selbst erst nach zwanzig Jahren des Wartens geboren worden. Sein Grab wurde zum Ort, an dem man um dasselbe bat.
1450 wollte man seinen Sarkophag in die inzwischen fertiggestellte Martinskirche überführen. Als die Männer vorsichtig den Deckel hoben, kamen Schwärme weißer Bienen heraus. Mit ihnen verbreitete sich ein süßer Geruch. Die Bienen flogen zwischen den Anwesenden hindurch und begannen zu stechen. Man schloss den Deckel hastig wieder und ließ alles, wie es war.
Die Volksüberlieferung hat für diesen Moment eine Erklärung gefunden, die so einfach wie eindringlich ist: Die weißen Bienen seien die Seelen der noch ungeborenen Kinder gewesen, die San Juan für jene in Vorrat hielt, die zu ihm kamen und um ein Kind baten.
1474 wagte man einen zweiten Versuch. Diesmal verlief die Überführung ohne Zwischenfall. Ein neues Prunkgrab wurde in der Martinskirche aufgestellt, der Überlieferung nach gestiftet von Königin Isabella von Kastilien.
Drei Jahre später, 1477, kam Isabella selbst.
Sie kam barfuß. Sie verbrachte die Nacht wachend und betend am Grab des Heiligen. Was sie bewog, so zu kommen — ob Verzweiflung oder tiefer Glaube oder beides zugleich — darüber schweigt die Überlieferung. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits Königin von Kastilien, eine Frau, die Armeen befehligte und Könige heiratete. Und doch stand sie barfuß in einer kleinen Kirche in den Montes de Oca und betete.
Wenig später brachte sie den ersehnten Thronfolger Juan zur Welt. Später wurde auch ihre Tochter Juana geboren, die als Johanna die Wahnsinnige in die Geschichte einging.
San Juan de Ortega liegt heute noch in denselben Wäldern, einsam und still. Die Kirche steht. Das Grab steht. Und noch immer kommen Menschen, die bitten — um ein Kind, um einen Weg, um irgendetwas, das sich nicht erzwingen lässt.
Ultreïa.